Die stille Legende
»Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er das Publikum mit seiner ungeheuren Bühnenpräsenz gefesselt hatte«, schrieb die Hannoversche Allgemeine einmal über ein Julian Dawson Konzert. Wobei es gar nicht darauf ankommt, aus welchem Jahrzehnt das Zitat stammt, da der Engländer dieses Talent bereits seit fünfzig Jahren kultiviert hat. In den 90ern ging Dawson auf Tour mit BAP, spielte zusammen mit Weltstars wie Vince Gill, Richard Thompson, Dan Penn, Gerry Rafferty, Little Feat oder Toots Thielemans – und wurde selbst zu einem der ganz Großen.
Und so vielfältig wie seine musikalischen Partner ist auch sein Repertoire. In 2024 hat er ein Album zu seinem siebzigsten Geburtstag veröffentlicht, dass im Rolling Stone Magazin und in der Musikwoche hochgelobt wurde und dass ihn mit einer Duett Version seines Chart-Hits mit Lucinda Williams wieder in die Radios brachte: „How Can I Sleep Without You“. Einer von über 250 Songs aus über 25 Alben, die Dawson mit kurzweiligen Geschichten zu ihrer Entstehung zu garnieren weiß. Von den Begegnungen mit den Artrockern von Can, mit Nicky Hopkins, dem Session Pianisten der Stones, oder auch Anekdoten über seine Zeit als Übersetzer vieler NDW-Hits ins Englische.
Wenn man Julian Dawsons legendäre Bühnenpräsenz verstehen möchte, muss man auf das schauen, was den Ausnahmemusiker noch ausmacht. Dawson ist nicht nur ein begnadeter Sänger und Songwriter, sondern selbst Fan, ein gigantischer Musik Junkie, der nicht nur ein leidenschaftlicher Vinyl-Experte ist, sondern auch Bücher geschrieben hat. Eines über Nicky Hopkins, ein anderes über Spencer Davis, das demnächst erscheinen wird. Wie kein anderer ist Dawson seinem Publikum ganz nah und kreiert immer aufs Neue einzigartige Liveerlebnisse mit außergewöhnlichen Augenblicken. Bis heute geht er ohne Setlist auf die Bühne, nimmt die Atmosphäre des Abends und spielt dann, was sich richtig anfühlt. Vielleicht gibt er noch eine Anekdote dazu über die Studiotage mit Wolfgang Niedecken in den USA, wie er seine erste Single bei Rough Trade veröffentlichen konnte oder wie er Martin Scorsese mit seiner Mundharmonika zu Tränen rührte? Man wird sehen, hören und sich gerne fesseln lassen.
All das macht Julian Dawson schon längst zu einer stillen Legende.
